Das neue 24/7

Wenn allen auf einmal das gleiche widerfährt und keiner mehr bloß zuschauen kann, weil es ja hier oder da genauso ist, dann sollte man doch wahrhaftig anfangen zu begreifen, dass wir alle aus dem selben Holz geschnitzt sind und alle im selben Boot sitzen. Was glaubst du? Wie wird es nach dem Corona Virus sein? Werden sich die Menschen verändern? Welche Veränderungen wärst du bereit einzugehen?


Hamburg, 11.04.2020: Es ist meine fünfte Woche. Isoliert. Arbeiten tue ich für mich von zu Hause aus. Sport mache ich zu zweit oder alleine vorm iMac unter Anleitung von YouTube SportSpaß Videos. Regen Kontakt mit Sicherheitsabstand habe ich auf einmal zu meinen Nachbarn, die ich vorher nur flüchtig kannte und nicht wirklich beachtet habe. Ob das so bleiben wird, frage ich mich. Ich weiß es nicht. Vielleicht spricht da auch gerade einfach nur mein innerer Drang nach Austausch aus mir heraus. Vielleicht wird es mir auch zeigen, dass ein gesundes Miteinander, ein solidarisches Nachbarschaftshaus, für Harmonie und Wohlbefinden sorgt. Mein Nachbar ist Physiotherapeut. Früher hätte ich niemals danach gefragt, ob er mir helfen könnte, weil es ja Ärzte außerhalb gab/ gibt. Da ich Schmerzen habe und nicht unbedingt mit fremden Personen in Kontakt treten möchte, habe ich ihn gefragt, ob er mir helfen könne. Er bejahte. Als Dank gab ich ihm und seiner Familie eine Packung Klopapier und einen Aufruf für gegenseitige Hilfeleistung. Das mit dem Klopapier hört sich vielleicht doof an, aber wie wir alle wissen, ist es ja heiß begehrt. Eine andere Nachbarin versorgte uns mit Mehl, weil sie zu viel davon einkaufte. Uns geht es also gut, wenn wir Hilfe anbieten und Hilfe annehmen. Wenn wir Menschen eine Freude bereiten können, freuen wir uns doch automatisch auch. Weißt du eigentlich wie deine Nachbarn heißen? Wie oft hast du in den letzten Monaten bewusst einem Menschen eine Freude bereitet? Wann hast du das letzte Mal etwas Gutes für die Allgemeinheit getan? Ich kann mich erinnern, dass ich vor der Corona Zeit, an Neujahr auf der Rückfahrt einer Silvesterparty, einem älteren Mann in der Bahn geholfen habe, der stark geblutet hat. Die Bahn war übrigens voll, doch keiner, außer mir, hat sich angesprochen gefühlt, zu helfen. Erst als ich zu dem Mann ging, ihm mein Wasser bot und die Blutung mit Taschentücher versuchte zu stoppen, schauten die Menschen auf und fragten, ob sie helfen können. Jetzt machen wir große Bogen um Menschen, wenn sie niesen. Ist ja auch richtig und absolut wichtig, aber es zeigt nochmal extrem, wie egoistisch wir sind, weil wir immer nur auf unser Wohl schauen. Würdest du jetzt einem älteren Mann helfen, der auf der Straße zusammenklappt, du aber nicht sicher sein kannst, dass er Corona hat oder nicht? Wir hamstern, weil wir "überleben" wollen, obwohl es gar keinen Grund für Hamsterkäufe gibt, weil für alle genug da wäre, wenn wir weiterhin "normal" einkaufen würden. Ich kann die Angst vor Ansteckung und das dadurch entstehende "Hamstern" irgendwo auch verstehen, da viele lieber alles auf einmal auf Vorrat kaufen damit sie eben nicht so oft in die Läden müssen, aber es bringt der Allgemeinheit und vor allem den tatkräftigen Helfern des Landes, der Welt nichts, wenn sie am Abend keinerlei Chancen mehr auf Grundnahrungsmittel haben. Für alle, die sich jetzt ertappt oder angesprochen fühlen... denkst du, dass es den Ärzten, den Bus/-Bahnfahrern, den Müllabfuhrarbeitern, Erziehern, Pflegekräften, Arbeitsagenturarbeitern usw. auf langer Zeit Kraft, Zuversicht und Motivation gibt, wenn sie immerzu in die Läden gehen und nicht etwa so wie du einkaufen können? Was hilft dann das Klatschen auf dem Balkon am Abend? Wem applaudiert ihr da eigentlich genau? Und was gibt es dir für ein Gefühl, wenn du am Abend auf dem Balkon stehst und applaudierst? Eine nette Geste, mit Sicherheit. Aber wem bringt es am Ende etwas? Helfen wir uns gegenseitig, sowie es bei mir in der Nachbarschaft der Fall ist, nur, weil uns in Zeiten wie diesen offensichtlich nichts anderes übrig bleibt oder steckt es zu tief ins uns versteckt, weil wir in unserem normalen Alltag zu sehr mit unseren Tätigkeiten, mit unserer eigener Leben beschäftigt sind? Fast alle 100 Jahre kommt es vor, dass die Erde von einem stärkeren Virus überrollt wird. Die Erde reinigt sich also selber. Könnte man so sagen, oder? Warum tut sie das? Als Zeichen, dass die Menschheit auf diesem Planeten weniger zerstören sollte und sich wieder erden sollte? Was gibt uns Menschen das Recht eine Ausschöpfung wie diese zu betreiben? Die Globalisierung als Folge der Pandemie? Die Pandemie als Chance? Chancengleichheit entwickeln? Wir alle wollen doch eigentlich nur eins und das ist glücklich und zufrieden in einem harmonischen und respektvollen Miteinander leben, aber das geht doch nur, wenn man auch schaut, wo zum Beispiel mein T-Shirt für 10 Euro herkommt. Ich hoffe sehr, dass noch mehr nachhaltiger produziert wird, dass wir mit unserem Hab und Gut unseres eigenen Heimatlandes versuchen auszukommen. Wir sind voller Tatendrang und Ausgehzwang, sind gelangweilt von endloser Freiheit und verwöhnt von getriebenem Konsumgut. Niemand muss sich komplett komplex in seiner Lebensweise ändern, es geht meiner Meinung nach nur darum, ein kleines Umdenken mit daraus resultierenden neuen Gewohnheiten stattfinden zu lassen. Wenn du mit deinem Cup zum Kaffee gehst anstatt einen Pappbecher mit Plastikdeckel zu nehmen, wird das eventuell ein anderer hinter dir in der Schlange sehen und nachmachen wollen. Wenn ich sage, ich kaufe meine Klamotten nicht mehr in großen Ketten, weil mir der Produktionsort nicht gefällt, dann rege ich vielleicht zum Nachdenken oder zu einer Diskussion an. Kleine Schritte werden am Ende große Schritte sein. Ein jeder kann etwas bewirken. Und wenn wir alle etwas dazu beisteuern, und das Geld der Welt anders eingesetzt werden würde, dann wären wir alle irgendwann in Zukunft freudiger.

Mein Wort zum Ostersonntag:

"Oh Welt ich will nicht dein Geld, ich will eine Welt, die weniger zerschellt und mehr zusammenhält."



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